Was ist Rolfing® ?

    Rolfing - Strukturelle Integration wurde entwickelt von der amerikanischen Biochemikerin Dr. Ida Rolf. Ziel der Methode ist es, die Körperstruktur dahingehend zu verbessern, dass der Mensch sich müheloser im Schwerkraftfeld der Erde bewegt und sich einer körperlich, seelisch wie geistig aufrechten Lebenshaltung annähern kann. Die Integration seiner körperlichen Struktur ist eine Einladung an den Menschen, mit weniger persönlichen Begrenzungen und weniger Energieaufwand bewusster und verantwortlicher zu leben.

        Rolfing versteht sich nicht als Therapie, sondern  als körperlich-seelische Grundlagenarbeit, für Gesunde wie Kranke jeden Alters gleichermaßen geeignet. Erfahrungsgemäß können jedoch funktionale Probleme des Bewegungssystems und die psychische Entwicklung günstig  beeinflusst werden.

        Jahrzehntelange Erfahrungen mit der Rolfing-Methode zeigen, dass der menschliche Körper und seine Struktur, die sich unter anderem in der Körperhaltung ausdrückt, durch eine bestimmte Art der Behandlung des Bindegewebes sehr viel stärker veränderbar ist, als vielfach angenommen wird. Denn das Bindegewebe, vor allem in Form der Faszien (= Muskel-
    häute), verleiht dem Körper seine Gestalt. Das Bindegewebe durchzieht wie ein dreidimensionales Netz den Körper und bestimmt durch seine Spannungszustände die Stellung der Knochen und der Körpereinheiten zueinander; es ist grundlegend für die muskuläre Balance.




     

    Balance in der Schwerkraft

Was bedeutet „Körperstruktur" eigentlich? Wir können den Körper als eine Summe verschiedener Segmente betrachten: Kopf, Schultergürtel, Brustkorb, Becken, Ober- und Unterschenkel, Füsse. Die Stellung jedes Segments hängt ab von der Stellung der anderen, so dass sich alle Segmente in ihrer Lage wechselseitig bedingen. Ein aus dem Lot geratender Körper (Abb., links) hat es schwer, sich gegen die Schwerkraft zu behaupten. Eine Körperstruktur hingegen, bei der die einzelnen Segmente um die Schwerkraftvertikale herum ausbalan- ciert sind, ermöglicht mühelosere Haltungen und Bewegungen (rechts).

       Denn in diesem Fall wirkt die Auftriebskraft vom Boden her stützend auf die Körpersegmente. Der Organismus muss weniger Energie einzusetzen, um sich aufrecht zu halten. Diese überschüssige Energie kann anderweitig eingesetzt werden. Grundlegend dafür ist die Balance des Körpers, die sich im einzelnen als muskuläre  Balance, als ausgeglichene Gewebespannung sowie als freies Spiel der Gelenke zeigt. Der Körper funktioniert auf allen Ebenen (Nervensystem, Atem, Kreislauf, Stoffwechsel) besser. Reaktionsfähigkeit und Sensibilität wachsen, der Mensch erlebt den Körper als harmonisch und vital.
     

    Wie die Körperstruktur aus dem Lot gerät:

    Die Gründe für die Entstehung einer unausgeglichenen Körperstruktur sind vielfältiger Natur. Denn der Körper ist ein Spiegel der persönlichen Vergangenheit und Gegenwart, in dem sich Verletzungen gefühlsmässiger und physischer Art ebenso zeigen wie die Lebenseinstellung oder kulturell und familiär bedingte  Umgangsformen mit sich und dem eigenen Körper. Einige Beispiele mögen das verdeutlichen:

        Michael ist 8 Jahre alt. Eines Tages fällt er vom Fahrrad und verletzt sich das linke  Knie. Er hinkt einige Zeit, wobei er das Gewicht auf das rechte Bein verlagert. Dies bewirkt eine Umstrukturierung des Muskelspiels in den Beinen, aber auch im Becken  und entlang der Wirbelsäule. Obgleich Michael nach dem Heilen des Knies aufhört zu humpeln, haben die kompensierenden Bewegungsmuster sich bereits in einer  komplexen Weise im Netzwerk der Muskelfaszien niedergeschlagen.

        Marie ist ein Teenager. Ihre Beziehung zur Mutter war geprägt von Angst vor  Strafe. In vielen Situationen zog sie den Kopf ein und hob die Schultern an. Zusätzlich empfindet sie ihre erwachende Sexualität als bedrohlich; sie versucht den  wachsenden Busen durch vorgeschobene Schultern und eingezogene Brust zu verstecken. Einige Jahre später ist ihr diese Körperhaltung zur Gewohnheit geworden, die ihr kaum auffällt. Diese ihre Haltung beeinflusst auf subtile Weise ihr Selbstwertgefühl, ihre Lebenseinstellung sowie ihren Selbstausdruck negativ.

        Paul arbeitet seit zwanzig Jahren im Betrieb. Das Rheuma und die Arthrose in den Schultern sind so stark geworden, dass es schliesslich nicht mehr geht. Er kann  seine Arme nur noch eingeschränkt bewegen. Ausserdem leidet er unter chronischen Rückenschmerzen. Ein langsamer Verschleissprozess, oft als unvermeidbar und als Alterser- scheinung abgetan.

        In jedem dieser Beispiele verkürzen und verdicken die Muskelfaszien in einer bestimmten Körpergegend durch akuten oder dauerhaft einwirkenden Stress. Die betroffenen Muskeln verhärten, werden unbeweglicher. Der Stoffwechsel in dem Gebiet ist eingeschränkt. Es entsteht eine ungleiche Belastung verschiedener  Faszien und Muskeln durch ungleiche Spannungen im Gewebe. Die Körpersegmente werden aus ihrer vertikalen Anordnung gezogen. Verdickungen, Verkürzungen,  Verklebungen in einem Teil veranlassen andere Körperteile zu entsprechenden Kompensationen, um die Statik auszugleichen. Mit der Zeit treten andere Einflüsse  hinzu und modifizieren die vorhandene Körperstruktur weiter. Die Schwerkraft übt dabei einen stetig verstärkenden Einfluss auf alle Unausgewogenheiten aus. Eine anfangs vielleicht nur leichte Fehlhaltung prägt sich im Laufe der Jahre immer stärker aus. Das vorläufige Endergebnis einer solchen Entwicklung wird ausgesprochen deutlich bei älteren Menschen.

        Die unelastische, chronisch verspannte Körperbefindlichkeit formt auch das Fühlen und die psychischen Reaktionen der Person. Körperliche Unsicherheit z.B. - etwa durch ein strukturbedingt scheinbar längeres Bein - kann beim Kind zu mangelnder Selbstsicherheit führen. Die Gesamt- persönlichkeit reagiert häufig emotional und geistig unflexibler auf innere oder äussere Reize. Sobald die Körperstruktur sich der inneren Haltung angepasst hat, wird sie die innere Haltung festlegen. Kein Wunder z.B., dass Menschen das Leben als ständigen Kampf empfinden, wenn sie dem Boden zu vornübergeneigt sind.
     

    Wie sieht die Arbeitsweise des Rolfing aus?

    In einem Einführungsgespräch klären Behandler und Klient die persönlichen Bedürfnisse und Erwartungen an eine Zusammenarbeit ab. Die Vorgeschichte, eventuelle Krankheiten, Verletzungen etc. werden ebenso besprochen wie wichtige Faktoren der gegenwärtigen Lebenssituation.

        Der Rolfing-Prozess findet in einer Serie von zehn aufeinander aufbauenden Sitzungen statt, die auf einen Zeitraum von etwa drei Monaten verteilt werden. Jede Sitzung dauert ca. 1,5 Std.

       Ausgehend von der Wechselwirkung zwischen Nervensystem und Muskeln/Bindegewebe werden mit Hilfe systematischer manueller Behandlung alte Spannungsmuster in verkürzten, verklebten Bindegewebsstrukturen gelöst und die  Körpersegmente ausbalanciert. Dies kann nur in einem den ganzen Körper umfassenden Prozess gelingen, bei dem die Veränderung eines Teils auf die Veränderung eines anderen aufbaut.

        Das Ziel ist eine ökonomischere Qualität von Bewegung, welche Gelenke und Rücken schont. Deshalb werden Bewegungsabläufe wie auch die Atmung in die manuelle Arbeit miteinbezogen. Der Rolfer gibt dem Klienten zusätzlich gezielte Anleitungen zu günstigeren Haltungs- und Bewegungsmustern im Alltag. Es gibt auch speziell ausgebildete Rolfing Movement Teacher, bei denen zusätzlich Bewegungsstunden genommen werden können.


        Den zehn Basissitzungen können nach mehreren Monaten fortgeschrittene Sitzungen folgen. Die während des Rolfing angelegten Veränderungen wirken sich noch nachfolgend über Monate weiter im Körper aus. Rolfing mit Kindern findet in kürzeren Sitzungen über einen grösseren Zeitraum hin statt.

        Es handelt sich beim Rolfing nicht um eine Therapie, sondern um einen „educational process", also um eine Unterweisung des Klienten, seinen Körper differenzierter wahrzunehmen und dessen innere Weisheit zu entdecken. Wir können von ganzheitlicher Gesundheitsvorsorge sprechen, von einer „Geburtshilfe" für spontane Selbstheilungsabläufe.
     

    Seelische Prozesse

    Seele und Körper, so meine ich, wirken aufeinander ein.
    Eine Veränderung des Seelenzustandes
    bringt eine Wandlung der Körpergestalt hervor;
    und umgekehrt führt eine Veränderung der Körpergestalt
    zu einer verwandelten Verfassung der Seele.

                                                   Aristoteles

    Die chronischen Verspannungen des Gewebes sind manchmal emotionsgeladen. Dies kann während der Sitzung als Schmerz erlebt werden. Es kommt nicht selten vor, dass verdrängte Gefühle oder Erlebnisse, die im Gewebe „gespeichert" sind, neu wahrgenommen und aufgelöst werden können.

        Sehr grosse Aufmerksamkeit schenkt ein Rolfer daher den Vorgängen, die sich auf der Ebene des autonomen Nervensystems (ANS) abspielen. Wenn sich Spannungen im Körpergewebe auflösen, ist dies in der Regel mit einem Abbau gespeicherter chronischer Spannungen im ANS verbunden. Es kommt zu einer Lösung, die in ein Gleichgewicht im ANS mündet, was der Mensch als friedvoll und beglückend erlebt. Es ist dies jedoch nicht allein eine momentane Erfahrung. Vielmehr lernt der Mensch, diesem Prozess des Fliessen-Lassens in seinem Leben zu vertrauen, ohne dass gleich Widerstände auf der Verstandesebene provoziert werden. Diese Fähigkeit geht einher mit mehr Wahlmöglichkeiten auf der Verhaltensebene. Die Bandbreite möglicher Reaktionen auf seelischen Stress wird  grösser, und sie können auf einem insgesamt niedrigeren Spannungsniveau stattfinden.

        Interessant ist die Tatsache, dass psychische und leibliche Veränderungen nicht  immer gleichzeitig vor sich gehen, sondern auch hintereinander ablaufen können - wobei mal der eine, mal der andere Bereich vorangeht. So kann Rolfing eine stagnierende Psychotherapie über den leiblichen Zugang oftmals wieder in Fluss bringen. Andererseits kann im Falle von schweren körperlich-seelischen Traumata  manchmal eine Kombination von Rolfing und Trauma-Arbeit sinnvoll sein.

        An anderer Stelle wurde bereits gesagt, dass der Mensch mit Hilfe eines Rolfers  seinen Körper differenzierter wahrzunehmen lernt. Der Klient wächst mit seinem Bewusstsein (wieder) mehr in seinen Leib hinein. Auch und gerade in solche Teile,  die er irgendwann „verlassen" hat, die er kaum mehr oder nur unangenehm spürt. Dies vermittelt ein Gefühl von Ganz-Werden und eine Möglichkeit, wieder mehr mit  und aus dem ganzen Körper zu leben statt nur aus dem Kopf.
     

    Erwartungen und Ergebnisse

    Die Motive, die Menschen zum Rolfing bringen, sind sehr unterschiedlich. Manche erwarten eine bessere körperliche Grundlage für seelische Bereiche, manche wollen  chronische Verspannungen loswerden oder funktionelle Probleme bearbeiten. Andere haben eher berufliche Motive, z.B. Sportler, Schauspieler oder Tänzer. Daher  gestalten wir Rolfer die Sitzungen in Bezug zu den Voraussetzungen jedes einzelnen und seinen Aktivitäten (Arbeitsplatz, Sport, künstlerische Tätigkeit) weitgehend individuell.

Ein optimales Gleichgewicht
bei alltäglichen Bewegungen finden

         Auch subjektiv wird Rolfing sehr unterschiedlich erlebt. Die einen durchleben einen sehr wohltuenden Prozess, andere berichten von spannungslösendem Schmerz; wieder andere erleben eine meditative Ruhe und Erleichterung. Wobei vorherige Erwartungen und tatsächliches Erleben nicht übereinstimmen müssen.

        Rolfing ist kein Ersatz für gegebenenfalls notwendige medizinische Behandlung. Wenn also eine Hilfe ärztlicher oder psychotherapeutischer Art angemessen erscheint oder wichtige Voraussetzung zum Rolfing ist, so weist der Rolfer bzw. die Rolferin im Einzelfall darauf hin.

        Ein harmonisch in der Schwerkraft balancierter Körper stellt einen Raum dar, von dem aus ich mich bewegen und zu dem ich zurückkehren kann. Ein Raum, in dem ich  gefühlsmässige und leibliche Erfahrungen ebenso machen kann wie Erfahrungen, die jenseits des persönlichen Ichs liegen, die über das Verhaftetsein im Materiellen  hinausgehen. Das Energiefeld des menschlichen Körpers in Harmonie zu bringen mit dem irdischen Schwerkraftfeld ist das Anliegen des Rolfings, was eben auf vielen  verschiedenen Ebenen des Seins wirksam werden kann. So kann das Wachstum in vertikaler Richtung manche Menschen für die spirituelle Dimension öffnen. Dazu braucht der Mensch eine entsprechende Erdverbundenheit. Nicht selten erleben gerolfte Menschen ihre geistigen Übungen (Meditation, Yoga usw.) in nicht gekannter Tiefe und Lebendigkeit.

        Ebenso wie für Kinder kann Rolfing für ältere Menschen entwicklungsbedingte Probleme erleichtern helfen.


        Die Ergebnisse des Rolfings sind erfahrungsgemäss dauerhaft. Natürlich hängt die Qualität des „Dauerns" auch ab vom einzelnen und seinem Umgang mit sich selbst. Aber da durch den Rolfing-Prozess das Unterscheidungsvermögen für positive und negative Wirkungen auf Körper und Persönlichkeit gefördert wurde, erweist sich die  gerolfte Person in der neuen Struktur gefestigt. Dabei spielt auch eine grosse Rolle, dass die veränderte Körperstruktur zu veränderten, der Schwerkraft besser angepassten Bewegungsmustern führt. Diese neue Art, sich zu bewegen, wirkt wiederum positiv auf die Körperstruktur.
     

    Wissenschaftliche Untersuchungen

    Es hat einige wissenschaftliche Untersuchungen zu subjektiven Wahrnehmungen gerolfter Personen gegeben. Dr. Valerie Hunt , Leiterin eines Labor- atoriums für Bewegungsverhalten an der Universität in Kalifornien (Los Angeles) führte 1977 an 14 Personen eine Vorher-Nachher-Messung von Muskelspannung bei Bewegung  durch. Es stellte sich u.a. heraus, dass die Klienten nach der Rolfing-Behandlung ihre Muskeln beim Gehen, Aufstehen und anderen Bewegungen kürzere Zeit und weniger anspannten als nicht gerolfte Personen. Dies bedeutet, dass die Energie-Effizienz eines Körpers durch Rolfing verbessert wird, d.h. der Körper nutzt seinen Energieumsatz besser.
     

   Fotometrische 3D-Rekonstruktion einer WS vor (2.12.99) und nach (15.6.00) zehn Rolfing-Sitzungen


        Julian Silverman, Untersuchungsspezialist am „Institut für geistige Hygiene" in Kalifornien, untersuchte die gleichen Personen mit dem EEG auf ihre Gehirnströme. Er resümierte: „Rolfing bewirkt im Gehirn eine spontanere, offenere und verfeinerte  Reaktion auf die Umwelt und auf innere Reize."

        In dieser Studie von V. Hunt und J. Silverman stellte sich heraus, dass Rolfing zu  einer signifikant wachsenden Dominanz der rechten Hirnhemisphäre führt bei Aufgaben, die am besten durch diese Seite des Hirns bewältigt werden. Die rechte Hemisphäre ist vor allem für intuitives und Analogie-Denken, Körpereindrücke und ganzheitliches Erfassen zuständig, während die linke hauptsächlich für analytisches und logisches Denken, Rechnen und Sprache verantwortlich ist.

        In einem Vorher-Nachher-Vergleich von gerolften und nichtgerolften Personen fand Dale E. Townsend 1976 eine Reihe signifikanter Unterschiede in den Bereichen Selbstwahrnehmung, Selbstakzeptanz und Sich-Mögen, Gegenwartsbezogenheit, Beziehungsfähigkeit und das Vermögen Gefühle zuzulassen.

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